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Exklusiv-Interview mit Sapphire

Freitag 5. März 2010

Mit PRECIOUS kommt ein aussergewöhnlicher, sehenswerter Film in unsere Kinos. FILM DEMNÄCHST hat sich mit der Autorin des Originalromans unterhalten.

Ramona Lofton nennt sich seit 1977 Sapphire. In New York unterrichtete die Schriftstellerin lernbehinderte Jugendliche in den Slums von Harlem. Einen Namen machte sich die 59-Jährige als Bürgerrechtsaktivistin und Performance-Künstlerin bei Lyrik-Lesungen, sogenannten «Poetry Slams». In ihrem ersten Roman «Push» schildert Sapphire die brutale Welt der Erwachsenen aus der Sicht der 16-jährigen Precious. Lee Daniels hat den Roman nun unter dem Titel «Precious» verfilmt.

film demnächst: Warum nennen Sie sich Sapphire? Sapphire: Weil der Name in Sanskrit «von Saturn geliebt» bedeutet. In der griechischen Mythologie ist Saturn der Gott des Schicksals. Und wenn man von ihm geliebt wird, kann man sein Schicksal, sein Karma ändern.

Ein Saphir ist ein wertvoller Stein. Precious, der Name der Heldin Ihres ersten Romans, bedeutet auch wertvoll. Heisst das, sie ist Ihr Alter ego? Nein. Als ich im New Yorker Stadtteil Harlem Jugendliche unterrichtete, musste ich erfahren, dass sie als die am wenigsten wertvollen Menschen angesehen wurden. Die USA investierten viel Geld in Geschäfte, die scheiterten. Aber für die grundlegenden Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen wurde nichts getan. Ich gab der Person, die am wenigsten gilt, den Namen Precious, um zu sagen, dass auch sie wertvoll ist. Dieses schwarze Mädchen ist jemand. Meines Wissens ist zuvor noch gar niemand auf die Idee gekommen, über schwarze Stadtmädchen zu schreiben. «Boyz N The Hood» und ähnliche Geschichten drehen sich immer um männliche schwarze Jugendliche. Da geht es um Drogen und Gewalt. Bisher völlig übersehen wurden schwarze Mütter, insbesondere Teenager mit Kindern, die nicht kriminell sind, sondern einfach versuchen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Für meine Recherchen zu Kindsmissbrauch las ich Statistiken, in denen schwarze Mädchen nie vorkommen. Man kam gar nicht auf die Idee, sie zu befragen.

Machte Sie das wütend? Es machte mich eher traurig. Wut motiviert zu handeln, Depression nachzudenken. Das tat ich sieben Jahre lang. In dieser Zeit hab ich vieles genauer betrachtet und mir eine eigene Meinung gebildet.

Precious ist wirklich eine sehr aussergewöhnliche Heldin in der US-Literatur. Denn sie ist nicht nur eine unterprivilegierte schwarze Frau, sondern steht für alle möglichen Minderheiten: minderjährige Mütter, Übergewichtige, Arme, Analphabeten und HIV-Positive. Erschien es Ihnen nicht verrückt, so eine Problem-Häufung zu wagen? Nein. Ich hatte tatsächlich einmal eine aidskranke Schülerin, die mit zwölf ein Baby von ihrem Vater bekommen hatte. Und ihr reales Leben verlief sogar noch schlimmer als Precious’ fiktives Leben. Was Precious passiert, ist nicht unwahrscheinlich. Nicht die Umstände von ihrem Leben sind ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist, dass sie zum Zeitpunkt, als sie beginnt, lesen und schreiben zu lernen, noch nicht zerstört ist.

Warum gaben Sie Ihrem Buch den Titel «Push» (pressen) und nicht zum Beispiel «Read» (lesen)? Weil ich nicht den Analphabetismus in den Mittelpunkt stellen wollte, sondern die unglaubliche Lebensenergie der16-jährigen Precious. Sie muss pressen, um ihr Kind zu gebären, und sie muss auch pressen, um sich selber neu zu gebären.

Hatten Sie auch eine schwierige Kindheit? Ja, sehr schwierig und dramatisch. Das, was ich selber durchgemacht habe, machte mich zwar empfänglicher für die Schicksale meiner Schülerinnen, aber ich hätte auch ohne diesen Hintergrund jemanden wie Precious verstehen können. Viele Lehrer sind der Meinung, die Schüler sollten ihre Probleme nicht mit ins Klassenzimmer bringen. Ich denke jedoch, man kann gar nicht mit klarem Kopf lernen, wenn man das, was einem passiert ist, nicht verarbeitet.

Hat diese Haltung etwas mit der Ausbildung des Lehrpersonals zu tun? Sicher. In den USA werden die Lehrer regelrecht angewiesen, die Probleme der Schüler zu ignorieren. Und dann wundern sie sich, wenn ein Junge zu Hause eine Waffe holt und in der Schule Amok läuft.

Precious beginnt, sich selber mehr zu respektieren, als sie anfängt, lesen und schreiben zu lernen. Konnten Sie Ähnliches bei Ihren Schülern beobachten? Ja. Analphabeten schämen sich enorm und tun alles, um ihr Problem zu verstecken. Wenn sie dann endlich etwas lesen und schreiben können, ist das für sie wirklich etwas ganz Grossartiges. Das hat nichts mit Intellektualität zu tun, sondern ist für sie einfach ein Schritt in Richtung Normalität, um in unserer Gesellschaft funktionieren zu können. Für einige wenige ist es auch der Schlüssel zu einer neuen Welt: Sie gehen im Lesen und Schreiben total auf. So wie Precious lernt, die Sprache zu lieben und die Schönheit der Worte zu respektieren.



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